Verflüchtigung der Worte

Herbstschluchten

Ich möchte dir von früher erzählen,
als sich die Sonne auf den Weg machte, die Wolken zu zählen
und als der Mond Sternenkinder besaß.
Wie weit war der Weg, den das Licht ging,
um die Dunkelheit zu suchen und schwer die Tiefe,
die der Wind umhüllte, dem Wasser entgegen.
Möchte dir flüstern,
was Feuer in Funken sprühte
und von dem Weit, das dein Atem ging,
wenn Kälte Worte brach.
Doch wirst du mich hören?

In Wolkenschluchten
voller Seen,
die Sonne und Wind
niemals finden?
(Lisa Rank)

 

 

 

 

Raureif auf den Dächern, beschlagene Fenster.

Die Katze schnurrt mehr als sonst und die alte, staubige Heizung knattert vor sich hin.

 
Es hat sich eingeregnet, in der Außenwand des leeren Zimmers höre ich kryptisches Wassergurgeln und hoffe, daß sich dort draußen nur ein Regenrinnenfallrohr befindet.

Ich erinnere mich an das nie zu ortende Dunk-dunk-dunk in meiner alten Wohnung dort drüben unter dem Dach, das bei jedem schwereren Regen auftrat und nur irgendwo oben zu lokalisieren war wie die hektischen, hopsenden Fußtritte einer Elster auf dem Dach über mir.

Das  "Klick" und "Schnurr" meines Kühlschrankes ein Geräusch, das "Zuhause" signalisierte.

 

Es hat sich erneut eingeregnet.

Die Welt scheint langsamer und leiser zu werden.

 

Und plötzlich geht es mir durch den Kopf: Das ist das Zeichen. Der Herbst muss gegangen sein.

 

 

..Tage später klopft es an der Tür...

 

Winter

 

Mit ihm kommt die Veränderung.

So wie jedes Jahr, wie auch dieses Jahr.


Hellblau eingefärbt, mit weißem Pelz, groß und gewaltig mit der unsagbaren Ruhe eines alten Mannes steht er vor meiner Tür.


Er lächelt traurig und öffnet zitternd seine Hand.

In ihr ruhen all die Dinge, die ich im Herbst gelassen habe.

 

All die Dinge, die ich im Herbst verloren habe, die Dinge, die sich im Herbst verlaufen haben. Die Dinge, die von den Blättern des fallenden Jahres überdeckt wurden. All die Dinge, die von einem sturmgepeitschten Ast erschlagen worden sind, bevor sie sich in meine sicheren Arme flüchten konnten. All die Dinge, die der Winter, in seiner Jahreszeit nicht mehr gebrauchen kann.


Er lächelt mich frostig an und ich lächle zurück.

Es ist nie verkehrt, nett zu sein.

 

Dann legt er seine Gaben auf meinen Tisch und sortiert alles fein säuberlich, damit ich auch ja nichts übersehe von dem, was den Herbst nicht überlebt hat.

 

Er lächelt erneut und lässt mich schließlich alleine mit den Opfern.

 

Irgendwo auf diesem Tisch ist die lieblose Erinnerung an dich. Die Erinnerung, dass ich auch dich im Herbst verloren habe. Dass du irgendwo zwischen Oktober und November verloren gingst und ich dich nächtelang in meinen Träumen suchte. Aber ich fande dich nicht. Nicht in den tausend ungeweinten Tränen. Fand dich nicht in deinen Millionen hasserfüllten Vorwürfen. Fand dich nicht in der Stunde, als ich die Hand nach dir ausstreckte und du dein Desinteresse auf mich niederprasseln ließt.

Ich kann dir nicht sagen, wann ich dich verloren habe. Es muss in einem dieser Momente gewesen sein, in der Missverständnisse das Sagen hatten und in der ich mal wieder stumm war, weil meine Worte immer das falsche sagen und meine Taten immer tatenlos bleiben. Genauso wie meine Augen deiner Meinung nach immer zu wenig sehen und wie meine Seele immer nicht gut genug war.

Aber ich muss dich dort liegen lassen. Ich habe dich im Herbst verloren. Du gehörst nicht mehr mir. Nicht mehr zu mir. Du gehörst jetzt dem Herbst. Ich kann dich nicht wiederbeleben. Genauso, wie ich dich in meinen Alpträumen rief und rief und du mich nie hören konntest. Genauso, wie ich mir immer wünschte, du würdest auch mal so weinen, wie ich weine und dann an mich denken und denken, dass du meinen Namen rufen könntest. Aber genauso, wie ich stumm bin, wenn ich dich rufen will und du taub bist, wenn ich nach dir rufe, genauso bist du tot, wenn ich dich wiederbeleben will.

Der Winter ist da. Und alles was ich im Herbst verloren habe, nimmt der Herbst nun mit und vermerkt es in der Inventur-Liste der Verluste meines Lebens. Deinen Namen unterstreicht er wohl sieben Mal. Und setzt noch drei Ausrufezeichen dahinter.

Lebewohl, Erinnerung an Zeiten, die unendlich schienen. Lebewohl an dich, Teil von mir und Teil meines Lebens. Es ist Zeit Abschied zu nehmen

 

Gib mir zurück, was ich nicht hatte und entreisse mir, was ich niemals haben werde. Aber vergiss nicht. Niemals, nie. Vergessen ist un.verzeihlich.

Die Welt riecht nach Nichts.

Ich fröstel.

30.1.16 13:50

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